Die Kunst des Sich-Vertiefens

Ein Beitrag von Reinhard Hohmann

Meine Frau behauptet, sie lese jedes Buch zu Ende, wenn sie es erst einmal angefangen hat. Das sei sie dem Autor/ der Autorin schuldig, die sich schließlich Mühe gegeben hätten. Möglicherweise übertreibt sie. Aber sie weist auf die bedeutsame Kunst hin, sich zu vertiefen – in ein Buch, ein Bild, eine Partitur, eine Handarbeit oder sonst etwas, und keine Ablenkung, keine Abwechslung, keinen Break zu brauchen.

Diese Kunst ist mit der Idee der Nachhaltigkeit und mit dem Teilaspekt der Genügsamkeit aufs Engste verknüpft. Wer es beispielsweise mit einem ‚großen’ Roman, einer bedeutsamen Musik oder Malerei aufnimmt, braucht wenig. Seine Bibliothek (oder Diskothek) ist entschlackt und – sofern er nicht gerade professionell sammelt – eher bescheiden. Er/ Sie mag keine Dutzendware, kauft keine und entlastet den Müllberg des Kulturschrotts. Hätte ich Picassos ‚Frauenkopf’ im Wohnzimmer hängen, sagte mir ein Freund, würde ich vorerst kein anderes Bild mehr anschauen, dieses eine aber täglich.

Nicht ablenken lassen - die Grundfähigkeit aller Kreativen

In der Corona-Krise wurde häufig das Fehlen der Kultur beklagt, und was die Bereiche des Darstellens und Zuschauens angeht, so war die Klage sicher berechtigt. Es ließ sich aber auch die gegenteilige Erfahrung machen: Die erzwungene Einschränkung konnte beispielsweise dazu ermutigen, noch einmal (in meinem Fall nach 30 Jahren!) Marcel Prousts ‚Im Schatten junger Mädchenblüte’ zu lesen, ein langwieriges Unternehmen, das von Notbremse und nächtlicher Ausgangssperre nicht blockiert, sondern im Gegenteil gefördert wurde. Ist man erst einmal ‚im Buch’, spürt man gar nicht mehr, ob es gerade zu warm oder zu kalt, zu hell oder zu dunkel, zu laut oder zu leise ist. Man lässt sich nicht ablenken – die Grundfähigkeit aller Kreativen, die man auch bei beinahe allen Vorschulkindern findet und die leider in der Schulzeit leicht verloren geht.

Ein an der Nachhaltigkeit orientierter Lebensstil fußt also idealer Weise auf unserem kreativen Potential. Dabei ist es egal, auf welchem Feld sie sich tummelt, ob im Bereich der ‚hohen’ oder der populären Kultur, der Kunst oder des Kunsthandwerks, des Herstellens, des Spielens oder des nur scheinbar passiven Lesens. All diese Tätigkeiten können den berühmten Flow auslösen, jenen Grad der befriedigenden Anspannung, den manche Leute auch beim Arbeiten, beim Bergsteigen oder sogar beim Putzen erleben. Sie machen äußere, teure und leicht verderbliche Anreize entbehrlich, das Verbrauchsmaterial der Wegwerfgesellschaft. Wer so ein Zeit und Kräfte beanspruchendes Tun pflegt, scheut vor dem voreiligen Verbrauchen, dem Anhäufen und Ersetzen, dem Horten und Stapeln zurück, ebenso vor dem Diktat der Moden, des Angesagt- und Up-to-Date-Seins.

Eine frühe Form des Umweltschutzes, nicht aus der Moral, sondern aus der Lust geboren

Um die Sache zu veranschaulichen, abschließend eine kurze Reminiszenz: Vor 40 Jahre sah ich im Vorarlberg einem Skiläufer zu, der den Morgen damit verbrachte, den Berg zu Fuß zu erklimmen, von dem er gegen Mittag abfahren würde. Die Skier hatte er geschultert. Der Schnee lag hoch. Der Aufstieg war beschwerlich. Der ganze Vormittag war dieser einen Abfahrt gewidmet, die nur ein paar Minuten dauern würde. Vertane Zeit, könnte man meinen, wäre nicht das Hinaufklettern eine befriedigende Tätigkeit in sich selbst gewesen. Zudem eine frühe Form des Umweltschutzes, nicht aus der Moral, sondern aus der Lust geboren. Der Mann würde sich, lebte er heute noch, wahrscheinlich weigern, an einer modernen Liftstation in der Schlange anzustehen.

Grün_teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.